27
Nov
2009

Likör

Ury2

Im Wein liegt Wahrheit, Wut im Schnaps,
vom Bierfreund setzt es einen Klaps.
Ich sitz allein in der Budik,
mach mir nen Kopf um Politik.

Im Schampus schwimmt die Haute-Volée,
der Pfeffersack säuft Rum mit Tee,
das Straßenkind, das schnüffelt Leim,
nennt einen Pappkarton sein Heim.

Wen intressiert schon mein Gebell,
wen rührt mein flammender Appell,
der Lyrikerin Wortgewalt
lässt selbst den letzten Zecher kalt.

Voll Kummer sitz ich da und wein,
doch da fällt Wilhelm Busch mir ein:
"Es ist ein Spruch von alters her:
Wer Sorgen hat, hat auch Likör."

Die einzig wahre Seligkeit
hält fruchtiger Likör bereit.
Ob Minz, ob Kirsch, ob Schleh man wählt,
der geistreiche Genuss nur zählt.

Rubinrot, golden, wonnig, süß
wie Nektar aus dem Paradies
beflügelt der Likör das Wort,
erwärmt das Herz an jedem Ort.

Schnell winke ich den Wirt heran,
da spricht ein hübscher Mann mich an:
"Komm, trink mit mir, ich lad dich ein,
will heut mit dir zusammen sein."

Die Politik, die kann mich mal,
der Weltschmerz ist mir piepegal.
Ein süßes Früchtchen im Likör
und eins im Arm, was will ich mehr!

(Bild: Lesser Ury, Frau in Rot)

25
Nov
2009

Immergrüne Lyrikwiese

Wiese

Von einer immergrünen Lyrikwiese
gibt es gar Wundersames zu berichten:
Ein Satanspilz schreibt gruslige Geschichten
und Limericks en masse, und zwar ganz fiese.

Versonnen lauscht ein vierschrötiger Riese
im kühlen Schatten kirchturmhoher Fichten
den bittersüß-romantischen Gedichten
der Blumenfee und denkt nur noch an diese.

Ein stolzer Admiral umschwirrt versunken
ein reimend Kräuterweib mit grünen Haaren,
von ihrer Poesie ganz liebestrunken.

Euterpe selbst, belesen und erfahren,
trägt in die frohe Schar den hellen Funken
der hohen Dichtkunst, ewig jung an Jahren.

18
Nov
2009

Ein Stein

Stein

Mein Lebtag lauf ich kreuz und quer
meiner Bestimmung hinterher.
Ich grüble und ich frage mich:
Wer bin ich, wohin gehe ich??

Zu Höherem bestimmt, gewiss,
verstand das Schicksal wohl was miss:
Ich leb im Wolkenkuckucksheim,
geh Bauernfängern auf den Leim,

schufte für andrer Leut Karriere,
komm Stärkeren stets in die Quere,
will Toleranz und Fantasie,
doch rufen alle: Utopie!

Kann keine Fliege leiden sehn,
kann diese Welt nicht mehr verstehn,
glaube an Gott, doch Gott ist tot,
seitdem herrscht Dunkelheit und Not,

herrscht Hochmut, Habgier, Völlerei,
herrscht Lüge, Hass, Hurrageschrei.
Ich suchte Liebe, suchte Glück,
bekam mein Herz kaputt zurück.

Schnell mach ich meine Türe zu,
dann hat die liebe Seele Ruh.
Stieg aus dem Luftschloss gern hinab
zur ewgen Ruh ins kühle Grab...

Doch ist die Welt auch "hunds"gemein -
ich rolle weiter meinen Stein.
Schon David hat es ja bewiesen:
Ein kleiner Stein erschlägt den Riesen!

8
Sep
2009

Kirche San Juan Chamula

Chamula

Weiße Mauern, bunte Pforte,
einst erbaut für San Juan.
doch der Pilgerscharen Worte
gelten auch dem Kukulkan.

Drinnen brennen tausend Kerzen,
die den bösen Geist vertreiben.
Krücken und gebrochne Herzen
solln am Ende liegen bleiben.

San Juan trägt einen Spiegel,
der zeigt kummervolle Mienen.
Posh und Weihrauch aus dem Tiegel
sollen der Erleuchtung dienen.

Kiefernnadeln auf den Stufen,
auf Altären Gladiolen,
Während die Schamanen rufen,
hört man die Betrunknen johlen.

Sie begehen Rituale,
flehen zur Guadalupe,
bringen Opfer dar im Saale,
essen selbst nur Wassersuppe.

Beten, warten, Gott ergeben
und den Herrn im weißen Kragen.
Dieses armselige Leben
ist im Rausch nur zu ertragen.

Hühnerblut klebt an den Händen
und die Demut lähmt die Glieder.
Wird sich je das Schicksal wenden
beim Gesang der frommen Lieder?

1
Sep
2009

Die Farben von Chiapas

Chiapas2

Schwarz der Zopf der jungen Frau,
darin leuchten bunte Bänder.
Sonnengelb und Himmelsblau
webte sie in die Gewänder.

Auf dem Markt gibt’s gelbe Früchte,
rote Bohnen, blaue Fische.
Blassgelb brutzeln die Tortillas
überm Feuer in der Küche.

Wie Smaragde und Türkise
schimmern Wasserfall und Meer.
Sattes Grün, maisgoldne Süße
lasten auf den Gipfeln schwer.

Der Hibiskusblüten Flammen,
feuerrot, orange und blau.
Blumen, wundersam die Namen,
tragen Farbenpracht zur Schau.

Klein und grün die Papageien,
groß und braun das Krokodil.
Aus dem Urwald dringt das Schreien
gelber Jaguare schrill.

Schildkröten, die moosgrün funkeln,
Schmetterlinge flattern bunt.
Oft begegnet mir im Dunkeln
noch ein ockergelber Hund.

Einen Rock so weiß wie Schnee
trägt der greise Kirchendiener.
Kiefernzweige grün wie Klee,
drauf grellrot das Blut der Hühner.

Grün das Land der Lakandonen,
golden der Madonna Kleid.
Land, auf dem die Götter thronen,
trotzig bunt in all dem Leid.

30
Jul
2009

Fernweh

Monte Albán

Genug geschuftet und gespart,
nun geht es bald auf große Fahrt.
Im wilden fernen Mexiko,
da werd ich meines Lebens froh.

Im Luftschiff statt auf der Galeere
reis flugs ich über sieben Meere.
Ich kann die Welt von oben sehn,
als freie Frau vor Anker gehn.

Dort brauch ich keinen Ballermann,
auch keinen Mann, der alles kann.
Den Pelikan am großen Meer,
den liebe ich von Herzen sehr.

Im Dschungel mit den Papageien
will laut ich um die Wette schreien.
Umschwirrt von kleinen Kolibris
fühl ich mich wie im Paradies.

Schildkröten, Krokodile, Schlangen
brauchen ums Leben nicht zu bangen.
Ich esse ja zu Mittag bloß
Tortillas, Chilis und Arroz.

Wenn Mariachi-Lieder klingen,
will ich graziös das Tanzbein schwingen.
Am Kopf nen breitkrempigen Hut
fließt in mir Zapotekenblut.

Der Sierra Madre karge Pracht,
den Stillen Ozean bei Nacht,
das alles möcht ich gerne sehn
und dieses fremde Land verstehn.

Ach wildes fernes Mexiko,
nach dir nur sehne ich mich so.
Breit deinen Blütenteppich aus,
dann fühle ich mich gleich zu Haus.

(Bild: Sacred Sites, Monte Albán)

21
Jul
2009

Unterwegs

Otto-Mueller

Den Rucksack auf dem Rücken,
den Daumen in den Wind.
Ob ich auf dieser Brücke
wohl einen Fahrer find?

Fünf Tage in der Wüste,
kein Wasser und kein Mann.
Nachts starren meine Brüste
nur die Kojoten an.

Die Sonne brennt wie Feuer,
Schweiß rinnt ins Dekolleté.
Ich sehn mich ungeheuer
nach einem Mann aus Schnee.

Da hält ein weißer Wagen
an meiner Seite an.
"Wohin?" hör ich ihn fragen,
den netten jungen Mann.

"Ans Meer!" sage ich leise.
"Okay", sagt er. "Steig ein!"
Und so geht diese Reise
nun weiter mit uns zwein.

Ich spiel ihm ein paar Lieder
auf der Maultrommel vor.
Wir singen immer wieder
"Blown in the Wind" im Chor.

Dann essen wir Tortilla
mit Kaktusscheiben drin
und trinken viel Tequila,
bis ich ganz müde bin.

Ein Bett auf weicher Erde,
die Luft ist süß und schwer.
Dass ich nicht schlafen werde,
kommt nicht von ungefähr.

Er küsst mich und verwöhnt mich
die liebe lange Nacht.
Das Morgenrot verschönt mich.
Nun auf den Weg gemacht!

Zusammen auf der Reise
für unbestimmte Zeit.
"Wie schön!" sage ich leise.
"Ans Meer ist's ja noch weit!"

(Bild: Otto Müller, Liebespaar)

19
Jul
2009

"Strandgut"

Gesellschaft

"Strandgut", zwanzig pralle Bände,
fiel mir kürzlich in die Hände.
Dieser Schatz soll nicht verweilen
in der Kiste, will ihn teilen.
Wem aus meinem langen Leben
werd ich seinen Anteil geben?

Christa, meiner Patentante,
seit der Firmung Anverwandte.
Meinem lieben Bruder Claus
schick ich gleich ein Buch ins Haus.
Auch Marina, meine Nichte,
kennt noch keins unsrer Gedichte.

Babs und Luggi werden lachen,
lesen sie die wilden Sachen.
Rolf und Horst und auch die Gina
finden unser Buch ganz prima.
Hab bei Falken angefangen
und bin immer links gegangen.

Lulu, einem großen Maler,
teurer mir als tausend Taler.
Puppenspieler Sigi, klar,
der kriegt auch ein Exemplar.
Andere aus jenen Jahren
liegen ja schon längst auf Bahren.

Evi, mit der ich gespielt,
mich in Reimen unterhielt.
Anna, Berna, Marion,
Sylvia hat das Büchlein schon.
In die Brechtstadt schick ich es
Bernd, und vorher küss ich es.

Ach, Sabine wird verstehen,
was mit Ralfi war geschehen.
Ruth, Verena, Claudia,
Max mit schwarzem Seidenhaar
und Juliane, die Mama,
waren damals für mich da.

Einer Dichterin ganz helle,
sie heißt, glaube ich, forelle,
und den Schottlandfahrerinnen -
Rabbie Burns im Herzen drinnen,
blauen Himmel, weiße Wolke,
schrieb ich Lieder aus dem Volke.

Dirk und Tom, den treuen Freunden,
die es ehrlich mit mir meinten,
und den Kämpfern vom Tai Chi
schenk ich Qi und Fantasie.
Meinen Chef vergess ich nicht,
schrieb für Tierschutz ein Gedicht.

Diesen Menschen will ich danken,
denn ihr Herz kennt keine Schranken.
Heute will ich an sie denken,
sie mit unserm Buch beschenken.
Eins bleibt hier, das lesen schön
Katerchen und Brüderchen.

(Bild: Dirck Hals, Lustige Gesellschaft)
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Petra Namyslo

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