Morbus gallicus

9
Mai
2009

Morbus gallicus

syphilis

In einem Loch lieg ich im Keller,
mein Leben wert nicht einen Heller.
Was nützten mir die größten Schätze,
da mich befiel die gallisch Krätze.

Du Heilger Rochus, sei verflucht!
Hab nur mein Liebesglück gesucht.
Die Lieb hat mich fürwahr beglückt,
sie machte blind mich und verrückt.

Quecksilbersalbe, Hitzestube,
zur Qual ward mir der böse Bube.
Ich hab gelitten Stund um Stund,
die Zähne fieln mir aus dem Mund.

Die Glieder, einst so weiß wie Schnee,
voll Pustulae obscoenae.
Bald wird er untergehn, mein Kahn,
noch rasch ein Traum im Fieberwahn:

Von Demut und von Sittsamkeit,
von einer Braut im Seidenkleid,
vom Bräutigam, so sanft und hold,
mit einem Herzen treu wie Gold.

Von einem Haus am Waldesrand,
von Kinderlachen, Ackerland,
von Brot und Hühnereiern groß,
vom Glück in der Familie Schoß.

Es putzt der Pfaffe sich die Brille
und fragt: "Was ist dein letzter Wille?"
"Ergreift den Burschen, vierteilt ihn!
Er soll mit mir zur Hölle ziehn!"

(Bild: Friedrich Sustris, Warnung vor der venerischen Krankheit (Syphilis))
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