Kleiner Bruder

25
Jul
2013

Kleiner Bruder

In der Nacht, als ich dich sah,
warst du mir sofort ganz nah
dort in Esso Sechsunddreißig.
Trugst ne Maske vorm Gesicht,
drum erkannte ich dich nicht,
doch ich merkte, du warst fleißig.

Las das Klogedicht voll Witz,
deine Ohren wurden spitz
und du fandest es gelungen.
Bügeltest zum Dank dafür
mir ein Stückchen Klopapier,
hast damit mein Herz bezwungen.

Kamst schon bald zu mir nach Haus,
mit der Ruhe war es aus
und es wackelten die Wände.
Trieb mich oft bei euch herum
zwischen Kunst und Bassgebrumm
auf dem Tachelesgelände.

Tanzen ging ich nicht allein,
kam in alle Läden rein,
weil die Türsteher dich kannten.
Und in Hamburg, voller Wut,
jagten wir die braune Brut,
als die Müllcontainer brannten.

Ach, wir haben manche Nacht
mit Gesprächen zugebracht
und auch Tränen sind geflossen.
Aßen Reis und sogar Schwein,
denn der Hunger trieb es rein,
trotzdem haben wir’s genossen.

Das war eine schöne Zeit!
Alle sahn uns nur zu zweit,
denn du warst mein kleiner Bruder.
Hat dich jemand schlecht gemacht,
habe ich ihn ausgelacht,
war ja selber mal ein Luder.

Bis zu dem Vertrauensbruch.
Wie ich diesen Tag verfluch
und auch deine langen Finger!
Hab es dir vorher gesagt,
trotzdem nahmst du ungefragt
vor der Haustür diese Dinger.

Seitdem komm ich nicht zur Ruh,
mache kaum ein Auge zu.
Oh, wie graut es mir vor morgen!
Sag ich dir, es ist vorbei?
Du bist mir nicht einerlei.
Kleiner Bruder, große Sorgen.
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