28
Sep
2008

Humboldthain

humboldthain

Heller Septembersonnenschein
leuchtet vergnügt zum Fenster rein.
Uns hält nichts in der Stube, nein -
komm schnell, wir gehn zum Humboldthain!

Im Rosengarten süßer Duft,
die Mücken tanzen in der Luft,
ein Kindchen nach der Mama ruft,
Ärger und Frust sind schnell verpufft.

Ein Eichhörnchen flitzt auf den Baum.
Die Elster schimpft, man glaubt es kaum.
Der Dichter dichtet wie im Traum,
ist ganz entrückt von Zeit und Raum.

Am Bunker Klettermaxe übt,
im Schatten Paul die Paula liebt,
Julia dem Romeo vergibt -
und alle sind ganz heiß verliebt.

Am Grill die Hammelkeule schmort.
Die Jogger treiben tüchtig Sport.
Und nie hört man ein böses Wort -
dies ist ein wundervoller Ort!

Der Tag neigt sich dem Ende zu,
nun ist es Zeit für Rast und Ruh.
Zur Panke tragen mich die Schuh,
denn da, mein lieber Tom, wohnst du!

(Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung,
Rosengarten im Volkspark Humboldthain)
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27
Sep
2008

Alexa!

alexa2

"Herrreinspaziert!", so tönt es laut.
Ein Kaufhaus wurde aufgebaut,
sehr prachtvoll, ganz im alten Stil,
und ganz Berlin hat nur ein Ziel.
Es strömt herbei von fern und nah
zum Alex, zum Alexa!

Sie eiln hierher im Dauerlauf.
Sprechchöre rufen: "Türen auf!"
Einhunderttausend in der Nacht -
zwecklos, dass Polizei hier wacht.
Absperrung nur zur Zierde da
am Alex, am Alexa!

"Saugroß! Saubillig!" das Gebrüll.
Die Schnäppchenjäger wühln im Müll.
Ein Handy für fünf Euro nur!
Man schleppt die Kisten übern Flur.
Ein Kaufrausch, wie man ihn nie sah
am Alex, im Alexa!

"Platz da, hier kommt die größte Sau!"
Schon haun sie sich die Fresse blau,
vor lauter Gier im Kopf ganz krank,
die Polizisten mittenmang,
die Feuerwehr ist auch schon da
am Alex, im Alexa!

Der Schaden ist schlimm anzuschaun:
Regale kurz und klein gehaun,
fünfzehn Verletzte, Scheiben hin.
Kopfschüttelnd frag ich nach dem Sinn,
kann nicht begreifen, was geschah
am Alex, im Alexa!

(Bild: Henny Borbein, Alexanderplatz)
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25
Sep
2008

Entzweit

paar

Wände so weiß,
kalt und kahl,
Mäntel aus Eis.

Beide kauern
stumm und fahl
in den Mauern.

Augensterne
blicken leer
in die Ferne.

Dort am Fenster,
ist da wer?
Die Gespenster!

Banges Schweigen,
Lippen blass,
Totenreigen.

Nach dem Küssen
plötzlich Hass.
Konnt man’s wissen?

Worte bitter,
voll Gewalt,
ein Gewitter.

Nun sind die Türen
zugeknallt,
die heimwärts führen.

(Bild: Ernst Ludwig Kirchner, Paar im Atelier)
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23
Sep
2008

Im Morgengrauen

Einsame_Frau_am_Fenster

Im blassen Morgenlicht, in den dunklen Raum
verwoben, die Silhouette einer einsamen Frau
am Fenster, den Kopf schlaftrunken im Traum
gefangen, dessen Gespenst, müde und grau,
bettschwer in sein finsteres Versteck schlurft.

Am frühen wolkenverhangenen Himmel kreist
ein schwarzer Vogel, Bote aus einem fernen
Land jenseits der Wolken. Der Weg verwaist,
der sie wegführt, hin zu den silbernen Sternen.
Ach, hätte es wirklich all des Schmerzes bedurft?

Nichts mehr zu fühlen, ohne Furcht, Verlangen
oder Begierde zu sein. Kein Wunsch oder Wille
hält die Frau noch in Raum und Zeit gefangen.
In Gedanken flieht sie weit weg in die ferne Stille,
befreit von dem Dasein, das sie einst bedrückt.

Sie öffnet das Fenster, atmet ein letztes Mal
die frische Morgenluft. Sie breitet die Arme aus.
Und während sie fortfliegt aus dem Jammertal,
weht ihr letzter Atem leise in den Tag hinaus.
Und schon ist ihre Seele Zeit und Raum entrückt.

(Bild: A. Woizechowski, Sehnsucht)
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22
Sep
2008

Unendlich (Akrostichon)

Roerich

Wie ein Wassertropfen
Auf dem heißen Stein
So scheint unser Leben

So begrenzt und klein
Ein ganz kurzer Traum
Rasch zu Ende eben

Trost erfährt ein Tropfen
Ruhend auf dem Stein
Ohne trüben Sinn

Planvoll tanzt er fein
Fast unsichtbar klein
Einst zur Wolke hin

Neues leichtes Leben

(Bild: Nicholas Roerich, Tropfen des Lebens)
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21
Sep
2008

Essenz

fragonard

Worte voll Wehmut, herbstlaubgolden aufs Papier gebracht,
bin müd und matt vom Ringen, dichterisch zu schreiben,
war dort im Traum verlorn, bin hier in Klarheit aufgewacht,
der Traum entfloh, das Wort und die Gedanken bleiben.

*

Worte auf Papier
dichterisch schreiben,
war dort, bin hier,
die Gedanken bleiben.

*

Worte schreiben
Gedanken bleiben

(Bild: Jean-Honoré Fragonard, Lesendes Mädchen)
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20
Sep
2008

Dilemma

Macke

Des Einen Augen, ach, die klaren, blauen,
sie leuchten hell in meiner Seele Tiefe.
Sie wachten sorgsam, wenn ich unruhig schliefe,
und wär ich blind, sie würden für mich schauen.

Des Andern Haare, weich wie schwarze Seide,
wie Mondlicht fallen sie auf meine Brüste.
Wenn ich sie streichelte und innig küsste,
wär jede Nacht ein Fest, nur für uns beide.

Im Spiel der Liebe gibt's zu viele Karten,
musst oft vergeblich auf den König warten.
Nun sind es zugleich zwei, die mich betören.

Der Eine sehr vertraut in langen Jahren,
der Andre lieb und fein und so erfahren.
Kann ich nicht einfach beiden Liebe schwören?

(Bild: August Macke, Zwei Männer mit Frau)
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19
Sep
2008

Das Leben ist kurz

Michelangelo

Die Zeit verfliegt mit jedem Tag.
Das Leben - nur ein Wimpernschlag.
Kaum schlägt uns unsre erste Stunde,
beginnt bereits die letzte Runde.

Wir sind auf Erden nur zu Gast,
sind voller Hetze, voller Hast,
jammern und klagen ob der Sorgen,
verschieben unser Glück auf morgen.

Das Glück ist ein zerbrechlich Ding.
Wer schon einmal am Galgen hing
und dem auf einmal riss der Strick,
betrachtet dies als großes Glück.

Das Glück ist auch Gitarrenklang,
ist Rosenblüte, Vogelsang,
ein Sonnenuntergang am Meer,
die Mythenwelt von alters her,

David von Michelangelo,
des eignen Herzens Romeo,
ein gutes Wort, ein Katzenkind,
ein Auge, das vor Liebe blind.

Zu Gott zu beten, das ist Glück,
dann kommt das Gute auch zurück,
den Kopf zum Himmel zu erheben
und ihm zu danken für das Leben.

Drum lasst uns jeden Tag genießen
im Land, wo Milch und Honig fließen.
Doch lasst uns eines nicht vergessen:
Nicht jeder hat genug zu essen!

(Bild: Michelangelo Buonarroti, David)
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Verlorenes Paradies

Halbe Frau

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