2
Feb
2010

Im Schlachthaus

Corinth

In einer düstren Stube wabert Dampf,
ein Ochse hängt darin im eignen Blut.
Zu Boden strömt die brennend rote Flut,
zeugt als Fanal von seinem Todeskampf.

Die Männer tun ihr Werk in stummer Wut.
Zwar wand das Tier verzweifelt sich im Kampf,
doch nützte kein Gebrüll und kein Gestampf,
die Mörder schlugen zu, geschickt und gut.

Sie kreuzigten die arme Kreatur,
nun wüten sie bis in die tiefe Nacht
und brechen ihr die Knochen, kalt und stur.

Als ich das Bild sah, hab ich mir gedacht:
Wie schön und friedlich wäre die Natur
ohne der Menschen Durst nach Blut und Macht.

(Bild: Lovis Corinth, Im Schlachthaus)
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1
Feb
2010

Olympia

Manet1

Olympia, du Kühle, du Kokette!
Mit rosenzartem Leib und festen Brüsten,
mit deinem frechen Mund, dem vielgeküssten,
so thronst du aphroditengleich im Bette.

Ach, wenn die Herrn Betrachter alles wüssten,
was deine Dienstmagd zu verraten hätte
und auch das Kätzchen an der Lagerstätte -
wie sehnten sie sich nach verbotnen Lüsten!

Dein Bildnis, präsentiert von einem Meister,
verstoße, hieß es, gegen gute Sitte
und sei unappetitliches Gekleister.

Doch schlich sich nachts Napoleon der Dritte,
wie mancher der moralbeflissnen Geister,
zu dir, rasch zu verjubeln die Rendite.

(Bild: Édouard Manet, Olympia)
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26
Jan
2010

Juan Diego und unsere Liebe Frau von Guadalupe

Guadalupe

Juan Diego war ein armer kleiner Indio,
den niemand Lesen oder Schreiben je gelehrt,
doch hat man damals ihn zum Christentum bekehrt
in Cuantitla, einem kleinen Dorf in Mexiko.

Da hat Maria weiße Rosen ihm beschert
an einem Wintermorgen bei Tlaltelolco.
Der Bischof sah ihr Bild auf Diegos Umhang, so
war's ihm den Bau einer Kapelle für sie wert.

San Diego wird gewiss im Himmel thronen,
er schenkte Christi Herde viele Schafe,
Aztekenbrüder, runde acht Millionen.

Sie singen unsrer Lieben Frau ihr Ave,
die Wallfahrt zur Kapelle soll sich lohnen.
Auf dass der Quetzalcoatl ewig schlafe.

(Unsere Liebe Frau von Guadalupe,
Bildnis auf Juan Diegos Umhang)
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25
Jan
2010

Der geringe Bruder Franz von Assisi

Franziskus

So wie ein stolzer Ritter zum Turnier
zog er als junger Mann aufs Feld hinaus.
Da bat ihn Gott: "Franz, baue mir mein Haus,
denn es verfällt sonst auf der Erde hier."

Tat wie geheißen ohne viel Gebraus,
trug keine Schuh und nur sein Kreuz als Zier.
Doch liebte auf der Welt ihn jedes Tier,
der Wolf, das Lamm, die Katze und die Maus.

Wärn alle Christen Imitatio
von Christus wie der fromme Bruder Franz
am Fuße des Monte Subasio,

wir bräuchten keine silberne Monstranz
und die Geschöpfe wären alle froh
und unser Haus, es würde wieder ganz.
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20
Jan
2010

Träume und Taten

Magritte

Ein Sturm ergriff ihn schon in jungen Jahren,
ein wilder Wind im Wipfel jenes Baumes,
der Schatten bot zum Träumen eines Traumes,
dass alle einmal Gotteskinder waren.

Frei war er und bedurfte keines Zaumes,
am Ort, wo all die süßen, wunderbaren
Erkenntnisäpfel nah zum Greifen waren,
im Garten Eden, jenseits dieses Raumes.

Da hörte er die Stimmen der Dämonen:
Du kannst das Los der Gotteskinder wenden.
Für Gottes Wort zu töten wird sich lohnen!

Das Blut von Kindern klebt an seinen Händen.
Unter den kalten Blicken der Ikonen
singt er sein Klagelied den kahlen Wänden.

(Bild: René Magritte, Der bedrohte Mörder)
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15
Jan
2010

Renegaten

Macke1

Früher gab es Bäume dort,
die keck in die Landschaft ragten.
Doch man schaffte sie bald fort,
weil sie immerzu nur fragten.

Einer durfte im Palast
von den goldnen Tellern essen.
War er einst ein lieber Gast,
ist er heut verfemt, vergessen.

Einem wies man gleich die Tür.
Als er seinen Namen nannte,
sah man ihn nur als Satyr,
ach, wie wenig man ihn kannte.

Auch ein Prinzlein war dabei,
konnte mit dem Herzen sehen.
Kriegte Haue eins, zwei, drei,
zog es daher vor zu gehen.

Von der längst vergangnen Zeit,
von dem Erbe unsrer Väter
sang die Lyra, auch im Streit,
wurde so zum Übeltäter.

Ein ganz junger Mann war er,
wandelte auf Grodeks Wegen.
Kleine Reimer hatten’s schwer,
ihnen schlug sein Spott entgegen.

Kaiser, König, Edelmann
waren ernste, strenge Richter,
proklamierten Acht und Bann,
zeigten eherne Gesichter.

Stille schwieg das Publikum,
grollend wetzte es das Messer.
Ist es erst mal kahl und krumm,
weiß es manches vielleicht besser.

Nein, die Windsbraut fand’s nicht gut,
sah das Ungewitter kommen.
Fuhr dahin auf hoher Flut
mit den Fragenden und Frommen.

Übers weite blaue Meer
segeln nun die Renegaten.
Und sind alle Fässer leer,
gibt es Sprit und Satansbraten.

(Bild: August Macke, Dame in grüner Jacke)
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3
Jan
2010

Zweitausendzehn

Reisende

Was wird Zweitausendzehn wohl mit sich bringen?
Werd ich den Whisky ungetrübt genießen
oder ihn heulend in die Kehle gießen?
Wird mir im Spiel der große Wurf gelingen?

Werd ich zur Rumba meine Hüften schwingen,
den Sonntag mir mit Amour fou versüßen,
im Sackgewand für sieben Sünden büßen,
vielleicht sogar im Chor der Engel singen?

Gewiss dreht sich die Erde einfach weiter,
am Abendhimmel funkeln goldne Sterne,
dann fühle ich mich so unsagbar heiter,

geb dir nen dicken Kuss und hab dich gerne.
Am nächsten Morgen geht die Reise weiter,
das Abenteuer ruft, es lockt die Ferne...

(Bild: Carl Spitzweg, Reisende Komödianten)
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26
Dez
2009

Eine deutsche Weihnacht

Heartfield

Die Glocken klingen laut zum Weihnachtsfeste,
ein Stern blinkt hell wie eine Leuchtreklame.
Ein Fettfleck ziert das Abendkleid der Dame,
ein Rotweinklecks des Hausherrn weiße Weste.

Am Christbaum flackern letzte Kerzenreste.
Im Kripplein liegt ein Kind - wie war sein Name?
Es ist längst tot, zu schwach war Jesses Same.
Und dass es starb, war’s nicht für uns das Beste?

Im Garten kaut der Sohn auf der Zigarre,
stiert in die Nacht - die Nacht, in der sie wachten,
er und sein Freund, stets griffbereit die Knarre,

gemeinsam über Herrenwitze lachten.
Jetzt liegt er unterm Schnee in Leichenstarre.
Und morgen früh geht es erneut hinaus zum Schlachten.

(Bild: John Heartfield - Krieg und Leichen)
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Verlorenes Paradies

Halbe Frau

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