23
Jun
2009

Die zwei neuen Hausgenossen

Marc

Eine Frau fand einst zwei Kater,
hatten Mutter nicht noch Vater.
Obdachlos und ohne Schutz
lebten sie im Straßenschmutz.

Mutig fing sie die zwei Scheuen,
ach, sie sollten’s nicht bereuen.
Nie mehr Hunger, Kälte, Streit,
auch ein Bettchen allezeit.

Als ich sie mir angesehen,
war’s sofort um mich geschehen:
Bernsteinaugen, schwarzes Fell
und zwei Stimmchen wunderhell.

Kratzbaum, Schutznetz, Gummibälle,
Katzengras und Futterstelle,
meine Wohnung wurde gleich
umgebaut zum Katzenreich.

Nichts mehr sollten sie vermissen,
doch das konnten sie nicht wissen.
Sehr begrenzt war das Revier,
fremd der Mensch. Was soll man hier?

Hastig suchten sie Verstecke,
hockten ängstlich in der Ecke,
kamen nur bei Nacht hervor,
schnupperten an meinem Ohr.

Schien der Vollmond in das Fenster,
dann erwachten die Gespenster.
Poltergeister balgten sich,
jaulten laut und fürchterlich.

Eilends war die Nacht verstrichen,
als sie aus den Körbchen schlichen,
und als Morgengruß, oh weh,
krallten sie mich in den Zeh.

Und die Katzenpflegemutter
reichte Wassernapf und Futter.
In der Wohnung ganz allein
fängt man keine Mäuse ein.

Fleißig putzte ich die Zimmer,
trotzdem: Sauber war es nimmer.
Auch das frische Katzenklo
machte nur die Katzen froh.

Doch vergaß ich nicht zu schmeicheln,
dankbar ließen sie sich streicheln,
strichen sanft um meine Knie.
Dafür gab es Leckerli.

Wenn wir nun an frohen Tagen
durch die ganze Wohnung jagen,
fühlt sich keiner mehr allein.
Was braucht’s mehr zum Glücklichsein?

(Bild: Franz Marc, Zwei Katzen)
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5
Jun
2009

Der junge Mann und das Mädchen - El estudiante y la chica

Murder

Sie trafen sich auf einem Fest
und riefen: "Hoch die Tassen!"
Sie tanzten ausgelassen,
ein Glas Absinth gab ihr den Rest.

Er war ein hübscher junger Mann
mit schmalen blassen Händen.
Sie wollte sich verschwenden
und nahm ihn mit sich irgendwann.

Sie wachte auf in seinem Arm,
er blickte auf sie nieder,
dann liebten sie sich wieder.
Sein Körper war so weich und warm.

Er hatte Witz, er hatte Geist
und keinen Cent auf Tasche,
griff jeden Tag zur Flasche.
Doch sie verzieh es ihm zumeist.

Sie ging zur Arbeit früh um fünf,
er schlief noch wie ein Engel
und war doch nur ein Bengel.
Stumm stopfte sie ihm seine Strümpf.

Die Liebe, sie macht dumm und blind.
Sie stellte keine Fragen,
wollt alle Last ertragen.
Dann hieß es, sie bekäm ein Kind.

Da machte er sich flink hinweg
und kehrte niemals wieder.
Nachts sang sie Wiegenlieder
und kam sich vor wie ein Stück Dreck.

Der junge Mann ist beim Papa
dann flugs zu Kreuz gekrochen
und schon nach ein paar Wochen
war eine Braut mit Mitgift da.

Sie feierten ihr Hochzeitsfest
mit Pauken und Trompeten.
Er kam nicht mehr zum Beten,
sechs Schüsse gaben ihm den Rest.

Nun wiegt sie sacht ihr kleines Kind
in einer dunklen Zelle.
Ein Lied, vergnügt und helle,
trägt in die Nacht hinaus der Wind.

***

El estudiante y la chica

Se conocieron en una fiesta
y gritaron: "¡Salud, hasta el fondo!"
Ella bailó con devoción,
un absintio le dio el resto.

Él era un chico guapo
con manos delgadas y pálidas.
Ella quiso desperdiciarse
y se lo llevó a su casa.

Ella se despertó en sus brazos,
él la miró desde arriba.
Después hicieron el amor.
Su cuerpo era tan suave y cálido...

Era divertido, tenía un espíritu,
pero no dinero en el bolsillo.
Tenía por la botella cada día.
Pero ella perdonaba todo.

Iba a trabajar a las cinco,
mientras él dormía como un angelito,
aunque era sólo un granujilla.
El amor es ciego y hace tonta.

Ella nunca preguntaba,
callada lo metía sus calcetines,
quería aguantar la carga.
Luego esperó un niño.

El papá del bebé se fue,
y no volvió más a ella,
que cantaba melodías tristes,
que el viento se llevaba en la noche.

Él se dirigió a toda prisa
a su padre para suplicar,
y después de unas semanas
encontró una novia con dote.

Celebraron una gran boda
con tambores y trompetas.
El novio no tuvo tiempo de rezar,
seis disparos le dieron el resto.

Ella está acunando despacito
a su niño en la celda oscura,
cantando melodías alegres,
que el viento se lleva en la noche.

(Bild: Ruth Ellis)
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1
Jun
2009

du glaubst ich bin

feuerbach

du glaubst ich bin
eine mit der man pferde stehlen kann
und ein paar pullen wodka im supermarkt
aber ehe du mir küsse raubst und mehr wisse
unter meinem aufgeknöpften holzfällerhemd
halte ich stets die blanke axt griffbereit
um dich von deinem köpfchen zu befreien
gut holz

weißt du ich bin
eine chimäre mit fischblut in den adern
mit einer brust und drei medusenhäuptern
sechs adleraugen und drei löwenmäulern
ich schlage meine giftigen gelben reißzähne
blutgierig in dein blasses mattes fleisch
das so betörend nach verwesung duftet
mein hänsel

ich bin
eine die heute ein grab geschaufelt hat
auf in die spelunke da saufe ich mich blind
ich enthülle meine schweißnasse brust dem
der mir stundenlang am ohrläppchen hing
schon schlaftrunken gehe ich mit ihm
dessen name mir entfallen ist nach hause
ende

(Bild: Anselm Feuerbach, Die Amazonenschlacht)
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29
Mai
2009

Morgens in Berlin - Una mañana en Berlín

Prenzlberg

Der Morgen graut, die Taube gurrt,
die Stadt erwacht zum Leben.
Der Wecker schrillt, die Katze schnurrt,
sie muss sich nicht erheben!

Der Himmel ist ne dicke Wand,
drauf malen Krähen Kreise.
Hab schon ne Kippe in der Hand,
der Kaffee tröpfelt leise.

Der Müllcontainer scheppert roh,
die Katz jagt durch die Räume,
das Frauchen hastet ins Büro.
Verpufft die süßen Träume.

Die Masse quetscht sich ungestüm
in engen U-Bahn-Schächten.
Im Wagen riecht es nach Parfüm
und nach durchzechten Nächten.

Die Ampel zeigt schon wieder rot,
ich werd es grad noch schaffen.
Da fährt ein Raser mich fast tot
und die Passanten gaffen.

Ach, könnte ich ein Kätzchen sein,
ich finge große Hummeln
und legte mich ins Körbchen rein,
den Morgen zu verbummeln.

Una mañana en Berlín

La mañana amanece, la paloma arulla,
la ciudad se desentumece.
El despertador chirría, el gato ronronea,
el no tiene que levantarse.

El cielo es una pared gruesa
en la que los cuervos pintan círculos.
Ya sostengo un pucho en la mano,
el café gotea silencioso.

El contenedor de basuras tabletea fuerte,
el gato corre por las piezas,
la dueña va a la oficina a toda prisa.
Perdidos los sueños dulces.

La muchedumbre se apretuja impetuosa
en los accesos a la estación del metro.
En el vagón huele a perfume
y a noches de parranda.

El semáforo está en rojo otra vez,
conseguiré llegar a tiempo.
De repente un loco casi arolla a mí
y los transeúntes papan moscas.

Ah, si pudiera ser un gatito,
agarraría abejorros grandes
y me acostaría en la cesta
para desperdiciar la mañana.

(Bild: Berlin, Eberswalder Straße/Schönhauser Allee)
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Verkehrszeichen

Dust

Ein Mensch zieht fort von Ort zu Ort.
An einem seidnen Faden hängt
sein kleines Leben.

Am Kreuzweg fragt er sich sofort,
wie er sich ein paar Bauern fängt.
Das ist sein Streben.

Was nützt’s dem größten Krokodil,
hat es auch zehnmal Blut gerochen,
kommt es doch zahnlos angekrochen,
fällt mal der Vorhang in dem Spiel.

Der falschen Wege gibt es viel,
bis dieser kleine Mensch erkennt:
Sein Leben ist im Nu verpennt.
Was war sein Ziel?

(Bild aus: Theodoros Angelopoulos, The Dust of Time)
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24
Mai
2009

Fressen und gefressen werden

nahrungskette

"Fressen und selbst gefressen werden!"
Das ist das Motto hier auf Erden.
Des Menschen Schicksal ist es nicht,
da’s ihm an Fressfeinden gebricht.

Doch all die Tiere und die Pflanzen,
ja, selbst die Flöhe und die Wanzen,
folgen dem Kreislauf der Natur.
Naturgesetze, die sind stur.

Wie hat’s der Mensch dagegen gut,
kann Rotwein trinken anstatt Blut.
Wie er kein Tier zum Feinde hat,
so würde er auch fleischlos satt.

Was macht der Mensch in seinem Wahn,
der leicht auf Fleisch verzichten kann?
Begnügt sich nicht mit Massenmord,
er quält das Vieh und jagt's zum Sport.

Bereitet Hummer raffiniert,
serviert ein Lämmchen ungeniert,
fällt Regenwald zur Rinderzucht,
die fressen Pflanzen viel, verflucht.

Weil ich um diesen Wahnsinn weiß,
drum ess ich lieber Lauch mit Reis.
Ich danke Gott fürs täglich Brot
und teil's mit Brüdern in der Not.

(Bild: Beispiel für eine Nahrungskette. Abbildung verändert nach Raven et al., Environment (1993) und Murck, Envionemental Science (2005))
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19
Mai
2009

Sisyfrau

Dirne

Es weiß doch wirklich jedes Kind,
dass Männer meistens dämlich sind,
glaubt mir, ich weiß es ganz genau.
Das ist das Los der Sisyfrau.

Der brave Mann rollt selbst den Stein
und spannt nicht seine Gattin ein.
Die treibt es mit dem Nachbarn schlau.
Das ist das Los der Ehefrau.

Da lob ich meinen Johnny mir,
für den bin ich das Arbeitstier
und er stolziert grad wie ein Pfau.
Das ist das Los der Sisyfrau.

Hier steh ich schon die ganze Nacht,
und hab ich ihm nichts mitgebracht,
dann haut er mir die Fresse blau.
Das ist das Los der Sisyfrau.

Ach guck, da kommt der Sabbergreis,
der’s ohne Gummi will, ich weiß,
mach meine Beine breit für lau.
Das ist das Los der Sisyfrau.

Kaum zieh ich meinen Schlüpfer hoch,
da kriecht Big Ben aus seinem Loch,
an seinem Riesending ich kau.
Das ist das Los der Sisyfrau.

Der Rammler aus dem Hinterhof
ist scharf wie Luzie, aber doof,
worauf ich ihm paar Scheine klau.
Das ist das Los der Sisyfrau.

Mein Johnny hat Geburtstag heut!
Ob er sich übern Schampus freut?
Der Kerl ist herzlich, aber rau.
Das ist das Los der Sisyfrau.

Ich schließ die Türe leise auf,
da liegt er auf der Jule drauf
und brüllt: "Verpiss dich, alte Sau!"
Das ist das Los der Sisyfrau.

Doch geh ich jetzt zur Bullerei,
verpfeif ihn zwecks Zuhälterei,
killt er mich, kommt er aus dem Bau.
Das ist das Los der Sisyfrau.

Drum will ich schön gehorsam sein,
vielleicht wird er mir dann verzeihn,
dann trinken Rum wir mit Kakao.
Das ist das Los der Sisyfrau.

(Bild: Otto Dix, Dirne)
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17
Mai
2009

Drittes Sonett: Ein Rätsel

Der_Denker

Wer schrieb wohl letzte Nacht, als alle schliefen,
vom Dingsda und von seinem losen Vetter,
wer denkt sich Rätsel aus bei jedem Wetter
und macht, dass Schweißperln von den Stirnen triefen,

holt dicke Wälzer aus des Schrankes Tiefen
und Lexika, noch dicker und noch fetter,
wem ist oft Wikipedia ein Retter,
wer liest Buchstaben, Runen, Hieroglyphen?

Die Rätseldichter sind's, du hast's erraten,
die Wissenswertes vom Olymp berichten,
von Minnesängern, Spöttern, Renegaten!

Ich hoffe, du kennst auch ein paar Geschichten,
denn nun musst du - ich seh, du riechst den Braten -
für uns ein neues, schweres Rätsel dichten!

(Bild: Thomas Eakins, Der Denker)
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Zweites Sonett: Medusen verfizt

Stuck

Medusa und ihr Fiz, die sind ein Pärchen!
Sie sorgt sich um die sinnentleerten Worte,
um Anglizismen, frisch aus der Retorte -
da sträubt sich auf dem Kopf ihm jedes Härchen!

Er schreit: "Medusa, du erzählst nur Märchen
vom Luther, Demagog der schlimmsten Sorte!
Dein Schriftdeutsch, spül’s hinunter zum Aborte!"
Der Feirefiz ist halt noch jung an Jährchen.

Medusa hebt ihr weises Haupt erhaben
und spricht: "Das Deutsch bedarf der Heg und Pflege!
Doch will ich mich nun auch am Dinglisch laben!"

Und sie ergründen, finden die Belege
vom reichen Schatz der Greise und der Knaben.
Beglückt ziehn sie gemeinsam ihrer Wege.

(Bild: Franz von Stuck, Medusa)
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16
Mai
2009

Erstes Sonett: An Hans B.

Schiele1

Dir, Hans, versprach ich eins der drei Sonette.
Damit ich nicht als Maulheld vor dir stehe,
sag ich: Die Wette gilt, und es geschehe!
Nun hör gut zu, was ich zu sagen hätte:

Ich folge schnurstracks dir zum Lotterbette,
zeig dir ein Spiel, auf das ich mich verstehe,
knutsch dir dein Ohr, lutsch an der großen Zehe
und reite mit dem Sturmwind um die Wette.

Bis Bein um Bein sich krampft in wilden Spasmen,
die Triebe uns zum höchsten Letzten treiben,
das sich entlädt in tausenden Orgasmen.

Doch will ich jetzt mal auf dem Teppich bleiben.
Gottlob sind diese Orgien nur Phantasmen,
wir kämen kaum noch zum Gedichteschreiben!

(Bild: Egon Schiele, Liebesakt, Studie)
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Verlorenes Paradies

Halbe Frau

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