8
Sep
2009

Kirche San Juan Chamula

Chamula

Weiße Mauern, bunte Pforte,
einst erbaut für San Juan.
doch der Pilgerscharen Worte
gelten auch dem Kukulkan.

Drinnen brennen tausend Kerzen,
die den bösen Geist vertreiben.
Krücken und gebrochne Herzen
solln am Ende liegen bleiben.

San Juan trägt einen Spiegel,
der zeigt kummervolle Mienen.
Posh und Weihrauch aus dem Tiegel
sollen der Erleuchtung dienen.

Kiefernnadeln auf den Stufen,
vor Altären Gladiolen.
Während die Schamanen rufen,
hört man die Betrunknen johlen.

Sie begehen Rituale,
flehen zur Guadalupe,
bringen Opfer dar im Saale,
essen selbst nur Wassersuppe.

Beten, warten, Gott ergeben
und den Herrn im weißen Kragen.
Dieses armselige Leben
ist im Rausch nur zu ertragen.

Hühnerblut klebt an den Händen
und die Demut lähmt die Glieder.
Wird sich je das Schicksal wenden
beim Gesang der frommen Lieder?
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1
Sep
2009

Die Farben von Chiapas

Chiapas2

Schwarz der Zopf der jungen Frau,
darin leuchten bunte Bänder.
Sonnengelb und Himmelsblau
webte sie in die Gewänder.

Auf dem Markt gibt’s gelbe Früchte,
rote Bohnen, blaue Fische.
Blassgelb brutzeln die Tortillas
überm Feuer in der Küche.

Wie Smaragde und Türkise
schimmern Wasserfall und Meer.
Sattes Grün, maisgoldne Süße
lasten auf den Gipfeln schwer.

Der Hibiskusblüten Flammen,
feuerrot, orange und blau.
Blumen, wundersam die Namen,
tragen Farbenpracht zur Schau.

Klein und grün die Papageien,
groß und braun das Krokodil.
Aus dem Urwald dringt das Schreien
gelber Jaguare schrill.

Schildkröten, die moosgrün funkeln,
Schmetterlinge flattern bunt.
Oft begegnet mir im Dunkeln
noch ein ockergelber Hund.

Einen Rock so weiß wie Schnee
trägt der greise Kirchendiener.
Kiefernzweige grün wie Klee,
drauf grellrot das Blut der Hühner.

Grün das Land der Lakandonen,
golden der Madonna Kleid.
Land, auf dem die Götter thronen,
trotzig bunt in all dem Leid.
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30
Jul
2009

Fernweh

Monte Albán

Genug geschuftet und gespart,
nun geht es bald auf große Fahrt.
Im wilden, fernen Mexiko,
da werd ich meines Lebens froh.

Im Luftschiff statt auf der Galeere
reise ich über sieben Meere.
Ich kann die Welt von oben sehn,
als freie Frau vor Anker gehn.

Da brauch ich keinen Ballermann,
auch keinen Mann, der alles kann.
Den Pelikan am großen Meer,
den liebe ich von Herzen sehr.

Ich werde mit den Papageien
im Dschungel um die Wette schreien.
Umschwirrt von kleinen Kolibris,
fühl ich mich wie im Paradies.

Schildkröten, Krokodile, Schlangen
brauchen ums Leben nicht zu bangen.
Ich esse ja zu Mittag bloß
Tortillas, Chilis und Arroz.

Wenn Mariachi-Lieder klingen,
will ich graziös das Tanzbein schwingen.
Am Kopf nen breitkrempigen Hut,
fließt in mir Zapotekenblut.

Der Sierra Madre grüne Pracht,
den Stillen Ozean bei Nacht,
das alles möcht ich gerne sehn,
auf Fiestas meine Runden drehn.

Ach wildes, fernes Mexiko,
nach dir nur sehne ich mich so.
Breit deinen Blütenteppich aus,
dann fühle ich mich gleich zu Haus.

(Bild: Sacred Sites, Monte Albán)
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21
Jul
2009

Unterwegs

Otto-Mueller

Den Rucksack auf dem Rücken,
den Daumen in den Wind.
Ob ich auf dieser Brücke
wohl einen Fahrer find?

Fünf Tage in der Wüste,
kaum Wasser und kein Mann.
Nachts starren meine Brüste
nur die Kojoten an.

Die Sonne brennt wie Feuer,
Schweiß rinnt ins Dekolleté.
Ich sehn mich ungeheuer
nach einem Mann aus Schnee.

Da hält ein weißer Wagen
an meiner Seite an.
"Wohin?" hör ich ihn fragen,
den hübschen jungen Mann.

"Ans Meer!" so sag ich leise.
"Okay," sagt er, "steig ein!"
Und so geht diese Reise
nun weiter mit uns zwein.

Ich spiel ihm ein paar Lieder
auf der Maultrommel vor.
Wir singen immer wieder
"El Topetón" im Chor.

Dann essen wir Tortilla
mit Kaktusscheiben drin
und trinken viel Tequila,
bis ich ganz müde bin.

Ein Bett auf weicher Erde,
die Luft ist süß und schwer.
Dass ich nicht schlafen werde,
kommt nicht von ungefähr.

Er küsst mich und verwöhnt mich
die ganze lange Nacht.
Das Morgenrot verschönt mich,
nun auf den Weg gemacht.

Zusammen auf der Reise
auf unbestimmte Zeit.
"Wie schön!" so sag ich leise.
"Ans Meer ist's ja noch weit!"

(Bild: Otto Müller, Liebespaar)
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18
Jul
2009

Das Riesenrad, das Riesenrad

kandinsky

Das Riesenrad, das Riesenrad
dreht sich und es wird nimmer fad!

Ich kann die Welt von oben sehn,
mich immerzu im Kreise drehn,
seh tausend goldne Lichter blinken,
von weitem ein paar Leute winken.

Das Riesenrad, das Riesenrad
fährt mich zu meinem Traumgestad!

Die Gondeln, kunterbunt gelackt,
sie tanzen im Dreivierteltakt,
ich höre helles Kinderlachen,
ein Pärchen macht ganz schlimme Sachen.

Das Riesenrad, das Riesenrad
ist schöner als ein Wellenbad!

Das Rad steht still, die Zeit ist um.
Ich wanke kreidebleich und stumm
hinüber zum Toilettenwagen,
die Rundfahrt liegt mir schwer im Magen.

Vom Riesenrad, vom Riesenrad
dreht sich der Kopf mir, das ist schad!

(Bild: Wassily Kandinsky, Composition VII)
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16
Jul
2009

Die kluge Susi

manet

In einem kleinen Städtchen,
da lebte einst ein Mädchen,
das hatte ein Gespusi:
ein Kätzchen namens Susi.

Das konnte ganz laut schnurren,
nie hörte man es murren.
Es ließ sich knuddeln, tragen,
chauffiern im Puppenwagen.

Es konnte apportieren
und öffnete auch Türen.
Nachts schlich es aus dem Bette
und ging auf die Toilette.

Und heimlich zur Belohnung
gab’s in der kleinen Wohnung
Schlagrahm, bis es fast platzte
und vor Vergnügen schmatzte.

"So klug ist dieses Kätzchen
und solch ein liebes Schätzchen,
es wird bestimmt gelingen,
ihm’s Sprechen beizubringen!"

Nun sitzt es in der Schule
ganz brav auf einem Stuhle,
und schon nach ein paar Tagen
hört man es "Mama" sagen.

(Bild: Pierre-Auguste Renoir, Mademoiselle Julie Manet mit Katze)
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29
Jun
2009

Das Massaker von Glencoe oder vom Wert der Gastfreundschaft

GlencoeMassacre

Ins grüne Tal marschierten die Soldaten.
Sie kamen, die MacDonalds zu besuchen.
Und Bruderherz hat Bruderherz verraten.

Die Gastfreundschaft, als edelste der Taten,
Die musste man im Hochland nicht lang suchen.
Ins grüne Tal marschierten die Soldaten.

Wohl roch MacDonald frühzeitig den Braten:
Die Campbells konnte William für sich buchen.
Und Bruderherz hat Bruderherz verraten.

Doch als sie an dem Tor um Einlass baten,
Da gab es Obdach, Abendmahl und Kuchen.
Ins grüne Tal marschierten die Soldaten.

Frühmorgens schritten sie zu Greueltaten.
MacDonald ruht in weißen Leichentuchen.
Und Bruderherz hat Bruderherz verraten.

Den Edlen will ich drum zur Vorsicht raten,
Die Campbells bis zum jüngsten Tag verfluchen.
Ins grüne Tal marschierten die Soldaten.
Und Bruderherz hat Bruderherz verraten.

(Bild: James Hamilton,
Massacre of Glencoe February 13, 1692)
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23
Jun
2009

Die zwei neuen Hausgenossen

Marc

Eine Frau fand einst zwei Kater,
hatten Mutter nicht noch Vater.
Obdachlos und ohne Schutz
lebten sie im Straßenschmutz.

Mutig fing sie die zwei Scheuen,
ach, sie sollten’s nicht bereuen.
Nie mehr Hunger, Kälte, Streit,
auch ein Bettchen allezeit.

Als ich sie mir angesehen,
war’s sofort um mich geschehen:
Bernsteinaugen, schwarzes Fell
und zwei Stimmchen wunderhell.

Kratzbaum, Schutznetz, Gummibälle,
Katzengras und Futterstelle,
meine Wohnung wurde gleich
umgebaut zum Katzenreich.

Nichts mehr sollten sie vermissen,
doch das konnten sie nicht wissen.
Sehr begrenzt war das Revier,
fremd der Mensch. Was soll man hier?

Hastig suchten sie Verstecke,
hockten ängstlich in der Ecke,
kamen nur bei Nacht hervor,
schnupperten an meinem Ohr.

Schien der Vollmond in das Fenster,
dann erwachten die Gespenster.
Poltergeister balgten sich,
jaulten laut und fürchterlich.

Eilends war die Nacht verstrichen,
als sie aus den Körbchen schlichen,
und als Morgengruß, oh weh,
krallten sie mich in den Zeh.

Und die Katzenpflegemutter
reichte Wassernapf und Futter.
In der Wohnung ganz allein
fängt man keine Mäuse ein.

Fleißig putzte ich die Zimmer,
trotzdem: Sauber war es nimmer.
Auch das frische Katzenklo
machte nur die Katzen froh.

Doch vergaß ich nicht zu schmeicheln,
dankbar ließen sie sich streicheln,
strichen sanft um meine Knie.
Dafür gab es Leckerli.

Wenn wir nun an frohen Tagen
durch die ganze Wohnung jagen,
fühlt sich keiner mehr allein.
Was braucht’s mehr zum Glücklichsein?

(Bild: Franz Marc, Zwei Katzen)
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