21
Dez
2009

Schnee

Schnee

Neulich wuchs noch grüner Klee,
heute liegt darüber Schnee.
Durch den weißen Winterwald
pfeift Dezemberwind so kalt.

Schon um drei beginnt’s zu dunkeln,
nur die Eiskristalle funkeln.
Nicht der kleinste Sonnenstrahl
schimmert durch die Wolken mal.

Brauner Matsch spritzt durch die Straßen,
wenn die Autos drüber rasen.
Hab nen hellen Mantel an,
den ich nunmehr waschen kann.

Habe blaugefrorne Hände,
kalte Ohren ohne Ende,
eile heimwärts durch den Schnee,
sehne mich nach heißem Tee.

Bald wird uns ein Kind geboren.
Gestern ist ein Mann erfroren.
Obdachlos und ohne Schutz
lag er morgens tot im Schmutz.

Vögel piepen leis und kläglich,
Straßenkatzen friern unsäglich.
Dieser Winter kalt und rau,
der plagt nicht nur Mann und Frau.

Will mich weiter nicht beklagen,
will mich lieber einmal fragen,
ob ich denn nicht dann und wann
diesen Armen helfen kann.

(Bild: Adolf Friedrich Erdmann von Menzel,
Berliner Hinterhäuser im Schnee)
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20
Dez
2009

Der Polizist

Stripper

Ich ging zu nem Geburtstagsfeste,
dort waren eine Menge Gäste.
Unser Freund Thomas wurde dreißig,
das feierten wir froh und fleißig.

Die Korken knallten, Gläser klangen,
die Gäste tanzten, spielten, sangen,
auch ich las ein paar Verslein vor,
Musik drang lautstark an das Ohr.

Da klingelt es - verdammter Mist!
Zur Tür rein tritt ein Polizist,
der sagt sein Sprüchlein altbewährt:
Die Nachbarn hätten sich beschwert,

wir sollten bitte leiser sein!
Ein Spielverderber – wie gemein!
Sein sanft geschwungner hübscher Mund
tut uns die bittre Wahrheit kund.

Die Gäste schweigen ganz betreten,
ich fange heimlich an zu beten.
Wunder geschehn! Ohne ein Wort
wirft er nun seine Mütze fort,

knöpft seine Jacke auf im Nu,
steht vor uns ohne Strümpf und Schuh,
lässt Beine kreisen, Muskeln spielen -
wie gerne wär ich ihm zu Willen!

Da löst er seine Gürtelschnalle -
ich sitze längst schon in der Falle -
wirft ab den Slip, das dumme Ding,
steht vor dem Publikum im String,

streift den auch ab, ist nackt und bloß,
setzt sich dem Thomas auf den Schoß,
liebkost ihn und macht sonst noch was.
Vor Neid werd ich ganz grün und blass.

Sitz still und einsam in der Ecke,
läg doch so gern unter der Decke,
ganz atemlos und eng verschlungen
mit diesem wunderschönen Jungen.

Wunder geschehen in Sekunden
und sind genauso schnell verschwunden.
Er kam und ging – war es ein Traum?
Wie öd und leer ist jetzt der Raum!

(Bild: Stripper Maurice)
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15
Dez
2009

Berlinerick - Friedrichshain

Friedrichshain2

Es lebt eine Lady im Friedrichshain,
die sagt zu den Gentlemen niemals Nein.
Ob mager, ob fett,
sie findt alle nett.
Willst du ihre Anschrift, um sie zu frein?

(Bild: Indimedia)
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Berlinerick - Lichtenrade

Lichtenrade3

Ein Mann unten in Lichtenrade
verbringt viele Stunden im Bade.
Es schrumpelt die Haut,
da meint seine Braut:
"Für’n Schrumpfkopf bin ick mir zu schade."

(Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung)
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Berlinerick - Wartenberg

Wartenberg

Es war mal ein Männlein in Wartenberg,
das war fast so klein wie ein Gartenzwerg.
Jedoch an ihm hing
ein riesiges Ding,
drauf legten die Damen ihr Augenmerk.

(Bild: Blog Landschaftsarchitektur)
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4
Dez
2009

Puten

Puten

Dieses Gedicht ist nicht erbaulich,
nein, es ist vielmehr unverdaulich.
Denn heute will ich euch erzählen,
wie Menschen arme Tiere quälen.

In engen Ställen leben Puten,
müssen fürs Weihnachtsfestmahl bluten.
Nach zweiundzwanzig schlimmen Wochen
kann man sie kaufen und fein kochen.

Sie wiegen einundzwanzig Kilo,
das Mästen macht sie jedoch nie froh.
Krumme Skelette kann man sehen,
die Tiere können nicht mehr gehen.

Können kaum schnaufen, leiden Qualen,
werden sogar zu Kannibalen.
Auf blutig krüppeligen Zehen
müssen sie in der Scheiße stehen.

Rund zehn Prozent sterben schon frühe,
oft macht man sich nicht mal die Mühe,
ihre Kadaver wegzuräumen,
man will ja keine Zeit versäumen.

Medikamente, Salmonellen
und Zusatzstoffe in den Zellen.
Auch wenn die Werbung es verspricht,
dem Wohlbefinden dient das nicht.

Am Ende werden sie verfrachtet,
am Schlachthof im Akkord geschlachtet.
Ich bitt', drum wollt ich es berichten,
auf Puten künftig zu verzichten.

(Bild: Putenmast, www.tierschutzbilder.de)
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1
Dez
2009

Ramona

ramona_adios

12. Oktober 1996
auf dem Zócalo
von Mexico City

Eine kleine Frau
betritt
die Tribüne

Schwarz vermummt
im bunten Rock
Kommandantin Ramona

Mit fester Stimme
sagt sie
Nunca más

Nie mehr ein Mexiko
unser Land
ohne uns

Nie mehr ein Leben
ohne Hoffnung
ohne Morgen

Nie mehr ein Mann
ohne Stolz
ohne Kraft

Nie mehr eine Frau
ohne Würde
ohne Recht

Nie mehr ein Kind
ohne Brot
ohne Buch

6. Januar 2006
auf der Straße
nach San Cristóbal

Eine große Frau
verlässt
die Bühne

Die Völker Mexikos
weinen um
Comandanta Ramona

Am Tag der Toten
weisen ihr Blumen
den Weg

Und der Tagelöhner
und die Marktfrau
mit ihrem Kind

Sie sagen
mit fester Stimme
Nunca más

***

12 de Octubre '96
en el Zócalo
de la Ciudad de México

Una mujer baja
entra
la tribuna

encapuchado de negro
con una falda colorida
Comandanta Ramona

Ella dice
en voz alta
Nunca más

Nunca más un México
nuestro país
sin nosotros

Nunca más una vida
sin mañana
sin esperanza

Nunca más un hombre
sin fuerza
sin valentía

Nunca más una mujer
sin derechos
sin dignidad

Nunca más un niño
sin pan
sin libros

6 de Enero '06
en la calle
a San Cristóbal

Una gran mujer
baja
del escenario

Los pueblos de México
lloran por
la Comandanta Ramona

En el Día de Muertos
las flores
le muestran el camino

Y el jornalero
y la mujer del mercado
con su hijo

Ellos dicen
en voz alta
Nunca más

(Bild: Schools for Chiapas, Ramona Adiós)
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27
Nov
2009

Likör

Ury2

Im Wein liegt Wahrheit, Wut im Schnaps,
vom Bierfreund setzt es einen Klaps.
Ich sitz allein in der Budik,
mach mir nen Kopf um Politik.

Im Schampus schwimmt die Haute-Volée,
der Pfeffersack säuft Rum mit Tee,
das Straßenkind, das schnüffelt Leim,
nennt einen Pappkarton sein Heim.

Wen intressiert schon mein Gebell,
wen rührt mein flammender Appell,
der Lyrikerin Wortgewalt
lässt selbst den letzten Zecher kalt.

Voll Kummer sitz ich da und wein,
doch da fällt Wilhelm Busch mir ein:
"Es ist ein Spruch von alters her:
Wer Sorgen hat, hat auch Likör."

Die einzig wahre Seligkeit
hält fruchtiger Likör bereit.
Ob Minz, ob Kirsch, ob Schleh man wählt,
der geistreiche Genuss nur zählt.

Rubinrot, golden, wonnig, süß
wie Nektar aus dem Paradies
beflügelt der Likör das Wort,
erwärmt das Herz an jedem Ort.

Schnell winke ich den Wirt heran,
da spricht ein hübscher Mann mich an:
"Komm, trink mit mir, ich lad dich ein,
will heut mit dir zusammen sein."

Die Politik, die kann mich mal,
der Weltschmerz ist mir piepegal.
Ein süßes Früchtchen im Likör
und eins im Arm, was will ich mehr!

(Bild: Lesser Ury, Frau in Rot)
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25
Nov
2009

Immergrüne Lyrikwiese

Wiese

Von einer immergrünen Lyrikwiese
gibt es viel Wundersames zu berichten:
Ein Satanspilz schreibt gruslige Geschichten
und Limericks en masse, und zwar ganz fiese.

Versonnen lauscht ein vierschrötiger Riese
im kühlen Schatten kirchturmhoher Fichten
den bittersüß romantischen Gedichten
der Blumenfee und denkt nur noch an diese.

Ein stolzer Admiral umschwirrt versunken
ein reimend Kräuterweib mit grünen Haaren,
von ihrer Poesie ganz liebestrunken.

Euterpe selbst, belesen und erfahren,
trägt in die frohe Schar den hellen Funken
der hohen Dichtkunst, ewig jung an Jahren.

(Bild: In Chiapas)
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18
Nov
2009

Ein Stein

Stein

Mein Lebtag lauf ich kreuz und quer
meiner Bestimmung hinterher.
Ich grüble und ich frage mich:
Wer bin ich, wohin gehe ich??

Zu Höherem bestimmt, gewiss,
verstand das Schicksal wohl was miss:
Ich leb im Wolkenkuckucksheim,
geh Bauernfängern auf den Leim,

schufte für andrer Leut Karriere,
komm Stärkeren stets in die Quere,
will Toleranz und Fantasie,
doch rufen alle: Utopie!

Kann keine Fliege leiden sehn,
kann diese Welt nicht mehr verstehn,
glaube an Gott, doch Gott ist tot,
seitdem herrscht Dunkelheit und Not,

herrscht Hochmut, Habgier, Völlerei,
herrscht Lüge, Hass, Hurrageschrei.
Ich suchte Liebe, suchte Glück,
bekam mein Herz kaputt zurück.

Schnell mach ich meine Türe zu,
dann hat die liebe Seele Ruh.
Stieg aus dem Luftschloss gern hinab
zur ewgen Ruh ins kühle Grab...

Doch ist die Welt auch "hunds"gemein -
ich rolle weiter meinen Stein.
Schon David hat es ja bewiesen:
Ein kleiner Stein erschlägt den Riesen!

(Bild: Zapotekenstätte in Mitla, Oaxaca)
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Verlorenes Paradies

Halbe Frau

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