13
Sep
2008

Vögel der Nacht

Weizenfeld-mit-Raben

Auf Rabenflügeln stürzt die Nacht hernieder,
stakst Aas auflauernd durch die dunklen Räume,
schleicht diebisch sich in meine leisen Träume,
krächzt heiser düstre Galgenvogellieder.

Den Kopf verwirrt vom Nachtmahr, schwer die Glieder,
so lieg ich wach und stell mir bange Fragen,
hör plötzlich hell die Nachtigallen schlagen
und schließ beglückt, entrückt die Augenlider.

Und träum von all den Vögeln unter Sternen,
von Dodos, Kiwis in den weiten Fernen,
von Eulen, Käuzen, Uhus in den Wäldern.

Von Vögeln, die am Morgen erst erwachen -
werd morgen über meine Dummheit lachen,
wenn kluge Raben kreisen über Feldern.

(Bild: Vincent van Gogh, Weizenfeld mit Raben)
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12
Sep
2008

Zeit heilt

Kastanien

Meine Sehnsucht weinte leise,
heimlich, dass es keiner sehe.
Mann und Mund und Arm und Nächte,
Frau und Tod und Leid und Trauer.
Doch der Scherz mit seiner Schleuder
schlug den riesenhaften Kummer.

Und es reihten sich Kastanien
in das graue Heer der Tränen.
Prall und schimmernd lachten Früchte
aus den aufgeplatzten Nähten.
Selbst der Schatten der Skelette
schlich bekümmert bald von dannen.

(Bild: Bozenna Bekier, Geige mit Kastanien)
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Penthesilea träumt

Freundinnen

Wenn das Wüten des wilden Achilleus
verstummt ist, liebste Prothoe,
sei mein Vertrauter der Wind,
der vorwitzig deine Locken zaust.

Spielen werden wir im Regenbogenlicht
und mit bebenden Fingerspitzen
will ich dein Sternenlächeln tasten,
will verbrennen in deinem Duft.

Lachen, sehnen, genesen will ich
bei dir, wo selbst mein Kummer
wie süßer goldener Honig schmeckt,
und niemals wieder den Staub küssen.

(Bild: Henri de Toulouse-Lautrec, Zwei Freundinnen)
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11
Sep
2008

world wide weg

Chevalier

Zur blauen Dämmerstunde leuchtet mir ein Licht.
Ein Klick, schon liegt die große weite Welt vor mir.
Ich sehe Menschen, Lichter, Pflanzen und Getier,
ich lese Forentratsch und einen Kriegsbericht.

Im Chat begrüß ich dich: "Hallo, wie geht es dir?",
schick dir im Mondschein eine Mail und ein Gedicht
und bitte dich: "Mein liebster Schatz, vergiss mich nicht!"
Was gäbe ich darum, wärst du jetzt nur bei mir!

Ich sitze ganz verloren hier und du bist dort,
uns trennen mehr als hunderttausend Meilen,
ein jeder sitzt betrübt an einem andern Ort.

Kann dich nicht sehen, kann nicht zu dir eilen.
Um wieviel lieber wär mir ein gesprochnes Wort
als nass geweinte, unlesbare Zeilen!

(Bild: Peter Chevalier, Hund mit zwei Knochen)
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10
Sep
2008

spätsommer

Schnitter1

träge käfer quälen sich
längs abgemähter ähren

grimmig zirpen grillen
tirili in spitzen wiesen

ach der bach entfacht
das karge lachen kranker lachse

oh zum großen morden
lohen schon todrote rosen

dumpfes murmeln schuldbewusster
jungfraun unter ulmen

weh ihr seelen wähnt
zum sterben wärt ihr nicht geboren

(Bild: Vincent van Gogh, Der Schnitter)
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Die Wandlung

Friedrich

Verliebt, verwirrt mein Kopf, mein Bauch.
Er sprach von Liebe und ich auch.
Reichte die Hand ihm, wie famos!
Trotz allem schweigt er, was ist los?

Riesig die Freundschaft zu ner Frau,
Ach ja, wir kannten uns genau.
Und plötzlich nahm sie all mein Geld,
Teuflisch und tückisch ist die Welt.

Voller Vertrauen, klar und rein,
Offen und ehrlich wollt ich sein.
Recht übel spielten sie mir mit,
So kalt und grausam, dass ich litt.

Ich werde nun des Weges ziehn,
Chaos und Traurigkeit entfliehn.
Hab in der Brust ein Herz aus Stein,
Treulos und ehrlos will ich sein.

(Bild: Caspar David Friedrich,
Der Wanderer über dem Nebelmeer)
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Blick in den Spiegel

Bolt

Mein neuer Spiegel im Bad,
umkränzt von hellen Lichtern,
zeigt mir lachend die Zähne:
"Hab nur Mut, keine Scheu!
Komm und schau mich an!"

Als ich vor den Spiegel trete,
bemerke ich, dass da draußen
ein hässlicher Mann lauert.
Er ist mein einziger Verehrer.
Sein Name ist Bruder Hein.

Schaudernd wende ich mich ab.
Nackt und bloß steh ich da
und betrachte mein Spiegelbild
und stelle mit Entsetzen fest:
Der Zahn der Zeit nagt an mir.

Eine Brust fehlt, die andre so lala,
dafür ein paar Jahresringe mehr.
Schmuck und Schminke, wozu?
Wozu mich rasieren, parfümieren,
da mein Liebster fort ist?

Unter meinem roten Schopf
lugen graue Schläfen hervor.
Seit er mich verlassen hat,
bin ich noch mehr ergraut,
da hilft selbst Färben nichts.

Mein Blick ist trüb geworden.
Der Kummer hat tiefe Furchen
in meine Mundwinkel gegraben.
Die Nase verstopft vom Heulen,
bekomm ich kaum noch Luft.

Einst waren seine hellen Augen
mein Spiegel, aus dem eine Frau
mich voll Seligkeit anstrahlte.
Elende Augen, sie zeigten mir
nur ein trügerisches Zerrbild!

Mein Spiegel im Bad hingegen,
er spricht immer die Wahrheit:
"Es gibt mehr Schneewittchen
als Äpfel an den Bäumen sind,
alles Gift würde nicht reichen.

Ein schönes heißes Wannenbad
tut wohler als eiskalte Rache."
Ich zupfe mir ein Haar vom Kinn,
und eine lavendelfarbene Woge
spült alsbald meine Tränen fort.

(Bild: Niels Peter Bolt, Sitzende junge Frau mit Spiegel)
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9
Sep
2008

Wo die Liebe hinfällt

David-Mora

Du bist schwarz. Ich bin weiß.
Ich bin ein Kind. Du bist ein Greis.
Du bist hässlich. Ich bin schön.
Ich bin blind. Du kannst mich sehn.

Du bist ein Mann, genau wie ich.
Bin ne Frau, Mann, ich liebe dich!
Wir lieben uns und werden eins.
Vorurteil? Ich kenne keins!

(Skulptur: David Mora)
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Fertigkost

aloys-ohlmann-grenzueberschreitende-gefahr

Leichter Tag
moderne Kost
Kalbfleischklößchen
in Estragon-
Soße
mit junger
Gemüseplatte
die Sportschau
die Lindenstraße
dazu ein Portrait
von Marlene:
das Auge
isst mit

mit knackigen
Salaten
und kleinen Snacks
aus hochwertigen
Zutaten:
Kalbfleisch
Vollmilch
Vollei
modifizierte Stärke
natürliche
Aromastoffe
Verdickungsmittel
Geschmacksverstärker

Achtung!
Bitte
beachten Sie
die Sicherheits-
bestimmungen
auf der
Rückseite
der Verpackung:
Vanillinzucker
ins Auge streuen
bei – 18° C
mindestens haltbar
vierundzwanzigtausend
ukrainische Winter
lang

(Bild: Aloys Ohlmann, Grenzüberschreitende Gefahr)
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8
Sep
2008

Serenade

Picasso-bleue-blue-period-buveuse-d-absinthe

Die Sonne schnürt ihr Bündel.
Wehmut klebt an den Fenstern.
Drinnen der Schrei des Akkordeons,
der den Schädel erbarmungslos
in Fragmente zerfetzt.

Ach, es tut weh, es tut...
Und gar nichts vermag ich
gegen die Peitschen der Himmel.
Sturm hetzt den Geketteten,
bis die See ihn gnädig verschlingt.

Nicht ertrinken wollen, wozu?
Dem Gewissen die Heuer abzuringen,
mit klammen Fingern vergeblich
nach Wahrheit wühlend,
da doch die Liebe ihnen entglitt?

Löscht das Feuer und das Licht!
Der Hahn kräht ja nicht mehr,
wenn mein Engel davon treibt
auf Luzifers Kahn, Satans Geifer
mir den Absinth verdirbt.

(Bild: Pablo Picasso, Bouveuse d'Absinthe)
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7
Sep
2008

Die Maske

Masken

Birgt sie Wahrheit oder Spott,
deine Maske, die mich anlacht?
Trügt sie oder ist sie glaubhaft?
Ist sie Zierde oder Schrott?

Lachst du, wenn die Maske weint?
Wetzt du heimlich schon die Klinge,
denkst beim Kuss an Silberlinge,
bist in Wirklichkeit mein Feind?

Nein, mein Freund, ich trau dir nicht!
Faschingsdienstag ist zu Ende,
Zeit für eine neue Wende.
Geh mir aus dem Sonnenlicht!

(Bild: James Ensor, Mädchen mit Masken)
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Falsch gedacht

Alter-Mann

"Mann, oh Mann, du süße Kleine!
(Du hast es mir angetan!)
Blonde Haare, lange Beine!
(Toll, da mach ich mich gleich ran!
Bin ein Mann, will nur das Eine.)

Will dir auch was Schönes schenken
(Weiber wolln erobert sein),
mir nach dir den Hals verrenken
und (ich weiß, ich bin ein Schwein)
deinen Schritt zum Park hin lenken."

(Dieser Mann, der mich so ansieht
mit nem Lächeln im Gesicht,
hat was, was mich magisch anzieht,
darum kümmert es mich nicht,
was mir heute die Mama riet.

Wie sie blitzen, seine Augen,
bin ganz weg und bin entzückt!
Oh, ich weiß, er wird nichts taugen,
doch sein Mund macht mich verrückt,
darf an meinen Lippen saugen.)

Als er niederkniet zum Küssen,
stößt er schnell auf Gegenwehr.
Denn das Kind konnt noch nicht wissen,
wie er küsst, der nette Herr.
Die Mama wird es vermissen.

(Bild: David Teniers d. J., Ein alter
Mann und ein junges Mädchen)
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4
Sep
2008

groszstadtabend

grosz5

george grosz gewidmet

holzdielen modrig greinen lau
die giftge grüne raupe dämmrung
ringelt diebisch sich gen freudenhaus
dort im kohleglühnden backsteinbau
kauert schaudernd hinterm diwan
der melancholische kardinal

gurrend schmeicheln feile maden
die nylonseelen dessous veräuszert
prallen hüllen sich entledigend
spinnen klebrigen puppenfaden
marionettenzylindergentlemen
zynisch dirigierend

auf blutbespritztem kopfstein
schleicht finster hutgetarntes fettauge
die klinge und das wort perfide gekrümmt
mürrisch lauernd furchtgeballt
rostig harrend auf beszre zeiten
auf die ermächtigte mörderbande

(bild: george grosz, café)
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Fischdöner auf'm Kiez I

Arizona

Flink, flink, flink, fangt frischen Fisch,
Tintenfisch mit langen Armen,
hackt ihn, presst ihn ohn' Erbarmen,
würzt ihn, bringt ihn auf den Tisch!

Fischdöner! Der letzte Schrei
auf'm Kiez nachts um halb eins,
Mädchen futtern und Karl-Heinz,
auch die Luden sind dabei.

Alle haun sie rein wie toll,
haben Riesenappetit,
saufen dazu Aquavit,
kotzen dann die Theke voll.

Hauen sich die Augen blau,
schlagen sich die Köppe ein.
schon sticht’s einer ab, das Schwein,
übrig bleibt ein Mordsverhau.

Und mein Liebster wischt und rennt
vierzehn Stunden voller Hast,
gönnt sich weder Ruh noch Rast,
's bisschen Freizeit wird verpennt.

Ackert, rackert wie ein Tier,
denkt sich: Mann, der Job ist schwer,
schlecht bezahlt, doch noch was mehr
als zum Amt gehn für Hartz vier.

Tu die Arbeit, putz das Klo
und erfülle deine Pflicht!
Trotzdem, Schatz, vergiss mich nicht,
bald mach ich dich wieder froh!

(Bild: Radio Bremen, Hafenkneipe Arizona)
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seefahrt

Vroom

schiff sticht in see
schneeweiß und stolz
schneidige seefahrer
segeln gen süden

selige seefahrt
schimmernde see
seejungfrauen
singen so süß

schiff unter sternen
schaukelt so sacht
sinnende seeleute
sanft in den schlaf

südseemädchen
sinnlich und schön
stehen am strand schon
sehnsuchtsvoll

stürmische see
segel so schwer
schreie und stöhnen
sinkendes schiff

schaurige see
skelette so starr
satan schnappt sich
sündige seelen

(Bild: Hendrick Vroom,
Niederländisches Schiff und Fischerboot in frischer Brise)
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Erlkönig besiegt

Ziellos treibe ich
durch dunkle Straßen,
bleich das Gesicht,
vom Wind zerzaust
mein wirres Haar.

Oben am Himmel,
hinter Nebelschleiern,
ein blassgelber Mond,
eingehüllt im Dunst
weißgrauer Wolken.

Mein rastloser Schritt
verliert sich einsam
auf nassem Asphalt.
Wie Irrlichter blendet
der Schein der Laternen.

Auf Zehenspitzen
durch raschelndes Laub.
Aus den Baumkronen
vernehme ich leise
Erlkönigs Raunen.

Im Namen der Söhne
lädt er mich zum Tanz.
Stehblues verspricht er,
Leidenschaften so heiß
und Wonnen so süß.

Im nachtschwarzen Kleid
mit einem Geschmeide
aus blauen Saphiren
und glänzenden Perlen,
kühlen Tränen gleich.

Im weißen Rolls Royce
versunken im Fond,
zum Schloss gefahren
von einem Chauffeur
gediegen in Grau.

Erlkönigs Söhne
empfangen mich
mit leeren Augen.
Sie geleiten mich
müde zur Tafel.

Ein Festmahl gar
wird aufgetragen
von einer Dame,
schwarz bekleidet
mit Schnurrbart.

Cognac und Scotch,
getrunken aus Stiefeln.
Champagner zerfließt
zwischen blutroten
welkenden Rosen.

Und Erlkönig spricht:
"Wir feiern im Jenseits.
Als Preis fordre ich
deinen Körper und
auch deine Seele."

Plötzlich packt mich
heilloses Entsetzen.
Bang frag ich mich:
"Ist mein Leben
verspielt und vertan?"

Lebenswille erwacht,
durchströmt meine Glieder.
Heiß siedet mein Blut.
Ganz laut schreie ich:
"Will leben! Will leben!"

Verfinstert sein Blick.
Seine eiskalte Faust
fährt mir ins Genick,
schubst mich unsanft
zur Kante der Klippe.

Doch ich kann Tai Chi,
stelle mich ganz ruhig hin
und mit gewaltiger Faust
schlägt er sich selbst k.o.
und ich bin frei!

Stolz und vergnügt
schreite ich voran,
trotz Sturm und Regen.
Hab keine Angst mehr:
Ich kann Tai Chi!

Taijijuan

(Bild: Mönch beobachtet Kampf
zwischen Schildkröte und Schlange)
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Verlorenes Paradies

Halbe Frau

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